Der Harry Potter von Singapur

Er spielte lieber Fußball als sein Instrument und in der Militärkapelle litt er. Heute ist er ein Star.

 Photo by Torsten Hoenig

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Eine Begegnung mit Kahchun Wong, dem neuen Chefdirigenten der Nürnberger Symphoniker 

 

VON ARNE PERRAS

 

Ein Wunderkind, das schon mit fünf Jahren Musikwettbewerbe gewinnt? „Nein, so war das nicht bei mir“, sagt Kahchun Wong. Alles ganz anders. „Ich stamme aus einer Familie absoluter Nicht-musiker.“ Der Vater Soldat, die Mutter Erzieherin. Kein Instrument in Sicht im Alter von fünf Jahren. Zu teuer der Unterricht, zu fern die Klänge von Mahler, Beethoven, Tschaikowski.

Aber dann, mit sieben, ein erster Streich des Glücks. Es flattert dem Jungen in Gestalt eines Formulars entgegen, der Mathematiklehrer verteilt es im Unterricht. Die Eltern sollen das unterschreiben, sagt der Lehrer, es fehlten ihm noch einige Spieler für die Kapelle. Wird schon richtig sein, denken die Eltern. So kommt Kahchun in die Bläsergruppe. Sie drücken ihm ein Kornett in die Hand. Diese Instrumente hatten einst die britischen Kolonialherren auf die Insel in Südostasien gebracht. Blech, das fürs Empire schepperte. Später zogen die Briten wieder ab. Doch die Instrumente blieben.

   Dem Jungen gefällt das Trompeten ganz gut. Doch hat er die Pausen beim Proben immer noch am liebsten. Weil er da ein Eis schlecken oder Fußball spielen kann.

   Ein Vierteljahrhundert später: Kahchun Wong ist jetzt 32 Jahre alt, mit zügigen Schritten kommt er nach vorne auf die Bühne, sie liegt überdacht in einem Teich, rundherum Wiesen und Palmen, dahinter Urwaldriesen. Samstagabend im Botanischen Garten von Singapur, die Luft ist schwül, die Zikaden zirpen im Gebüsch. Und alle warten auf „Beethoven im Garten“, dirigiert von Kahchun Wong. Der Künstler ist kurz auf Heimatbesuch, bevor er wieder nach Deutschland fliegt. Er muss nach Franken, wo er den Posten des Chefdirigenten der Nürnberger Symphoniker übernimmt.

   Kahchun Wong, Singapurer mit chinesischen Wurzeln. Einer, der Welten miteinander verknüpft. Asien und die westliche klassische Musik, das ist die Geschichte einer besonderen Liebe. Und Wong verkörpert sie mit jeder seiner Bewegungen. Dennoch war es alles andere als absehbar, dass der einstige Schüler mit dem Kornett später einmal klassische Symphonieorchester dirigieren würde. Ein Lehrer aus der Musikszene in Singapur schreibt per SMS: „Ach ja, Kahchun, wir erlebten ihn noch als Jungen, seht, wie er gewachsen ist, ich bin sehr stolz auf ihn.“

  Das Konzert lockt Tausende Besucher in den Botanischen Garten, Paare packen ihre Picknickkörbe aus, Kinder toben im Dämmerlicht, während die Musiker ihre Instrumente stimmen. Ein Volksfest, von der deutschen Botschaft initiiert, fünf Musiker aus Nürnberg sind dabei, Wong dirigiert das Orchester seines früheren Konservatoriums, Yong Siew Toh of Music, er tut es ohne Gage, tritt als Kulturbotschafter auf, um einen Moment deutsch-singapurischer Freundschaft zu feiern.

  Und was für ein Moment das ist: Wongs Arme rühren und schaufeln, rudern und ziehen, sein Körper trabt, zittert und hopst. Keine Gestalt, keine Bewegung scheint ihm unmöglich. Und wenn es nötig ist, dann reißt er auch mal den Mund ganz weit auf und zeigt die Zähne, um Beethovens Siebte voranzutreiben. Rastlos, aufgewühlt, getrieben. Aber dann auch wieder ruhend, pochend, voller Melancholie.

   Im Publikum fällt es vielen schwer, ihre Faszination für diese Art der Musik in Worte zu fassen, viele haben schon als kleine Kinder begonnen, ein klassisches Instrument zu lernen, meistens Klavier oder Geige, oft wollten das die Eltern so und sagten ihren Kindern dabei Sätze wie: „Das ist gut für die Entwicklung deines Hirns.“ Ein IT-Spezialist mit chinesischen Wurzeln sagt, dass ihn in all der Hektik seines Lebens „Momente des Zuhörens“ wirklich aufbauen, und auf Klassik könne er sich am besten einlassen, obwohl sie wenig mit der eigenen Kultur zu tun habe.

   Eine Lehrerin entdeckt in den Stücken die Emotionen eines anderen Menschen, die des Komponisten, und das sei für sie sehr besonders. Ein Student schleppt seine Freunde an, die nichts am Hut haben mit Klassik, aber er will ihnen zeigen, was sie verpassen. Weil er nirgendwo so gut seine „innere Ruhe“ finde wie in dieser Musik.

  Und Wong? Der westlichen symphonischen Musik ist er zum ersten Mal im Alter von 17 Jahren begegnet. Auch er nennt das ein „schwer zu beschreibendes Gefühl“. Zum Beispiel Tschaikowski, die Fünfte. „Da ist etwas, das mich anrührt, es fasst dich an, bewegt dich, bringt dich zum Weinen. Es ist, als ginge ich ins Kino, das große Epos, ‚Herr der Ringe‘, und am Ende hat man eine sehr weite Reise gemacht.“

   Wongs Reise führt ihn nach der Schule zunächst ins Militär, dann aufs Konservatorium in Singapur, weiter nach Baltimore in den USA und schließlich zur Dirigentenklasse von Christian Ehwald an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Zu Wongs Förderern gehörte kurz vor seinem Tod auch Kurt Masur. 2016 gewinnt der Singapurer gar als erster Asiate den prestigeträchtigen Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb der Bamberger Philharmoniker. Seither gilt er als einer der großen Nachwuchsdirigenten.

  Wenn er von seinem Leben erzählt, darf die Zeit im Militär nicht fehlen, jeder Singapurer muss zwei Jahre Wehrdienst leisten. Wong sagt, er habe sich elend gefühlt. Es sind die Jahre, in denen junge Musiker an ihrer Karriere feilen, zu Wettbewerben gehen, um vielleicht den großen Sprung zu schaffen. Was soll man da in der Armee? Wong hat noch Glück, weil er in die Kapelle kommt. Aber der Sergeant Major ist nie zufrieden, wenn die Rekruten zur Musik marschieren, einer tanzt immer aus der Reihe.

  Und so hören sie nicht auf zu marschieren, und die Kapelle hört nicht auf zu spielen. Jeder Musiker weiß, dass es dafür Grenzen gibt, aber nicht jeder Sergeant Major. Am Ende zieht sich Wong ein Nervenleiden zu, seine Lippen sind taub, er muss pausieren, darf stattdessen aber komponieren. Die Truppe braucht Märsche, und Wong soll sie schreiben.

  Ein harter Arbeiter ist er schon seit seiner Jugend, ohne Disziplin und Fleiß scheint der Weg in die Weltspitze nicht möglich. Und ohne außergewöhnliches Talent natürlich auch nicht. Wobei Wong seinen Weg doch etwas anders beschreibt. Er beharrt darauf, dass vieles im Leben Glückssache sei, behauptet gar, dass er mehr Glück als Talent habe. Es klingt zunächst nach Unterstatement, aber Wong hält dagegen: Hätte es das Formular des Mathelehrers nicht geben, hätten seine Eltern es nicht unterschrieben, wo wäre er jetzt? Was, wenn ihn sein Vorgesetzter im Militär in die Infanterie versetzt hätte, als er nicht mehr trompeten konnte? Aber er ließ ihn komponieren, „weil er ein feiner Mensch war“. Das meint Wong mit Glück.

  Musik hat sein Leben verwandelt, da ist er sich ganz sicher, es habe für ihn aber nur ein kleines Fenster gegeben, „dem Klub beizutreten“. Nun möchte er, dass auch andere junge Leute solche Chancen bekommen. Er gibt deshalb sogenannte „Red Bean Concerts“, zu denen er meist Kinder aus benachteiligten Familien einlädt, er verteilt seine Musiker dabei in einem großen Kreis, dazwischen mischt er Stühle für die kleinen Zuhörer, sie sitzen also im Geschehen, während Wong in der Mitte mit dem Taktstock herumwirbelt und Beethoven dirigiert wie im Auge eines Taifuns.

  Manche Kinder glauben, dass er ein Harry Potter ist, mit seinem langen Stab. „Wenn sie mich fragen, ob ich zaubern kann, dann sag ich immer Ja.“ Später dürfen sie selber mal mitdirigieren. Und dann, wenn der Wirbelwind eines Beethoven vorüber ist, löffeln sie zusammen Rote-Bohnen-Suppe, ein süßes Dessert, das man in Singapur liebt.

  Dass Zuschauer mitten unter den Musikern sitzen, hat Wong mal in Berlin gesehen, der Dirigentenkollege Iván Fisher aus Budapest bietet Konzerte mit heißer Schokolade. Wong spürt auf der ganzen Welt Ideen auf. Was ihn inspiriert, baut er in die eigene Arbeit ein, formt es um, entwickelt es weiter. Schließlich kommt er aus Singapur, wo man eklektizistische Fertigkeiten zur hohen Kunst verfeinert hat.

Am kommenden Samstag dirigiert Kahchun Wong das Saison-Eröffnungskonzert der Nürnberger Symphoniker mit der Violinistin Midori als Solistin.

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